Die Familie Ustinov

Ob Schauspieler, Bildhauer, Komponisten, Architekten oder Bühnenbildner: Allein in den letzten zwei Generationen haben die Familien Ustinov und Benois (der Familienzweig Sir Peters mütterlicherseits)über 40 namhafte Künstler hervorgebracht. Man kann hier durchaus von einer künstlerischen Familienkultur sprechen. Die Wurzeln der Familie sind in England, Russland und Frankreich, aber auch in Äthiopien, Italien, dem heutigen Israel und Deutschland zu finden. Mit diesem multikulturellen Familienerbe scheint Weltoffenheit und das Bedürfnis, der eigenen Weltsicht einen künstlerischen Ausdruck zu verleihen verleihen, nur eine logische Konsequenz zu sein. Der Künstlerfamilie Benois wurde ein eigener Flügel im staatlichen Peterhofmuseum in St. Petersburg gewidmet.

Nadia Benois

Nadia Benois (1896 – 1975)

Nadia Ustinov, geborene Benois und Mutter Peter Ustinovs, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der Familienvilla der Benois in St. Petersburg, ganz in der Nähe des Opernhauses. Ihr Vater Louis Benois war Architekt, ihr Onkel Alexandre Benois war Maler und Bühnenbildner für die berühmten Ballets Russes und den Impresario Sergei Diaghilev. Angesichts des künstlerischen Umfelds, in dem sie aufwuchs, war es ganz natürlich, dass auch sie eine Künstlerkarriere einschlug. Sie hatte sich bereits als Bühnenbildnerin für die berühmten Ballets Russes und das Theater des Russischen Zarenhofs einen Namen gemacht, als sie – frisch verheiratet - nach Großbritannien emigrierte. Dort gestaltete sie u.a. Kostüme und Bühnenbilder für die Rambert Dance Company am Duchess Theatre und Inszenierungen des Royal Ballets in London. Ihre Kostümentwürfe waren in Sir Peters frühen Filmen „Vice Versa“ und „Private Angelo“, aber auch vielen seiner Bühnenwerke zu sehen. Ihre Bilder sind u.a. in der Tate Gallery, dem Carnegie Institute, der Manchester City Art Gallery und der Nationalgalerie Neuseeland ausgestellt.

 

Jonah Ustinov

Jonah, Freiherr von Ustinov (1892 – 1962)

Jonah Ustinov, auch „Klop“ (russisch für Bettwanze, in Anspielung auf seine Tätigkeit als Spion und seinen Ruf als „Frauenversteher“) genannt, ist der Vater Sir Peter Ustinovs. Er wurde in Jaffa, im damaligen Osmanischen Reich, geboren. Sein Vater Plato führte dort das Hôtel du Parc. Nach seiner Ausbildung in Deutschland, der Schweiz, England und Frankreich nahm er als deutscher Jagdflieger der Deutschen Luftwaffe am Ersten Weltkrieg teil. Sein einziger Bruder Peter, der Flieger derselben Einheit war, fiel 1917 im Einsatz. Später sollte er seinen Sohn nach ihm benennen. 1918, nach Kriegsende, arbeitete er einige Jahre als Korrespondent in Berlin und Amsterdam, bis er eine Anstellung bei der deutschen Botschaft in London fand. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland ließ er sich in England einbürgern. Bald darauf wurde er vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5 angeworben.

Über dieses weniger bekannte Familiengeheimnis, den Spion und Frauenheld Klop Ustinov, ist 2014 im britischen Biteback Verlag ein Buch erschienen:

„Klop: Britain’s Most Ingenious Secret Spy“

 

Plato Ustinov

Plato Grigorievich, Baron von Ustinov (1840 – 1918)

Der Großvater Sir Peter Ustinovs entstammte einer Familie des russischen Briefadels, dessen Vermögen vor allem auf dem Salzhandel gründete. Nach einem Reitunfall, aber auch aus Glaubensgründen quittierte Plato Ustinov den Dienst in der russischen Kavallerie. 1875 war er zum Protestantismus übergetreten, seine Position als Adeliger und Lehnsmann am Zarenhof war an seine russisch-orthodoxe Kirchenzugehörigkeit gebunden. Er floh nach Württemberg, wurde dort als Deutscher naturalisiert und heiratete dort seine erste Frau Marie Metzler, die Tochter eines protestantischen Missionarsehepaares.

Das Ehepaar ließ sich in der Pilgermission in Jaffa, nahe Tel Aviv im heutigen Israel nieder. Ein Teil seines großen Hauses diente als Krankenhaus für erkrankte Pilger und wurde später zum luxuriösen „Hôtel du Parc“ umgebaut. 1902 beteiligte sich Ustinov an der Gründung des „American Colony Hotels“, um seinen Gästen auch in Jerusalem eine exquisite Unterkunft bieten zu können. Zusätzlich war Plato von Ustinov war ein bedeutender Sammler Palestinischer Antiquitäten. Viele Stücke seiner umfassenden Sammlung befinden sich heute an der Universität von Oslo, Norwegen. Platos zweite Ehefrau Magdalena Hall – die erste Ehe wurde 1881 geschieden – war die Tochter eines jüdischen Abenteurers aus Krakau, der sich nach seiner Konvertierung zum Protestantismus in Jaffa niederließ. Ihre Mutter war eine Hofdame am äthiopischen Hof. Plato und Magdalena reisten nach Großbritannien, um seine Antikensammlung zu verkaufen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ging Plato von Ustinov nach Russland um sich den russischen Streitkräften zur Verfügung zu stellen. Er soll 1917 oder 1918 in den Wirren des zusammengebrochenen Zarenreiches verhungert sein. Das Hotel in Jaffa dient inzwischen als Missionsstation, Pilgerherberge und Missionsstation der Church's Ministry Among Jewish People (CMJ), das „American Colony Hotel“ bei Jerusalem kann heute eine illustre Gästeliste vorweisen.

 

 

Alexandre Benois

Alexandre Benois (1870 – 1960)

Der Onkel Nadia Ustinovs, mithin der Großonkel Sir Peter Ustinovs war ein russischer Maler, Schriftsteller, Kunsthistoriker und Kunstkritiker. Vor allem jedoch hat er mit seiner Bühnenausstattung des Mariinsky Theaters in St. Petersburg und der Ballets Russes unter Sergei Diaghilev das moderne Ballett wegweisend beeinflusst. Gemeinsam mit Diaghilev und Léon Bakst war er Gründer der Bewegung und gleichnamigen Kunstzeitschrift „Mir Iskusswa“ (russisch für „Welt der Kunst“). Die von ihm gestalteten Kostüme und Bühnenbilder für Produktionen wie „Les Sylphides“ (1909), „Giselle“ (1910) und „Petruschka“ (1911) sind Teil der Theatergeschichte geworden. Als Überlebender der Unruhen der russischen Revolution von 1917 vermachte er das Herzstück der Kunstsammlung seiner Familie, ein Madonnengemälde von Leonardo da Vinci, dem Hermitage Museum in Leningrad. Auch sein Sohn Nicola Alexandrovich Benois und auch seine Nichte Nadia Benois sollten als Bühnen- und Kostümbildner für Opernhäuser weltweit erfolgreich die Künstlertradition der Familie Benois fortsetzen.

Leonti Nikolajewitsch Benois

Leonti Nikolajewitsch Benois (1856 - 1928)

Leon Benois, der Großvater Sir Peter Ustinovs mütterlicherseits, war ein russischer Architekt, Kunstlehrer und Hochschulrektor der Russischen Akademie der Künste (1903-1906 und 1911- 1917). Als Sohn des russischen Architekten und Künstlers Nikolai Leonthewitsch Benois (1813-1898) und Camilla Cavos, Tochter des italienischstämmigen Architekten Albert Katarinowitsch Cavos in Peterhof geboren, setzte auch er die Künstlertradition der Benois in direkter Linie fort. Er erbaute u.a. die Römisch-Katholisch Kathedrale Notre-Dame in St. Petersburg und die Alexander Nevsky Kathedrale in Warschau. In Deutschland stehen die von ihm entworfene Russische Kapelle in Darmstadt und die Russische Kapelle in Bad Homburg vor der Höhe.